Die Aula war dunkel, auf der Bühne glänzte im schwachen Licht golden ein Horn, als sich die erste Fanfare erhob und alle Schüler:innen aus ihren Träumen riss. Riefen die ersten Melodiefetzen zu nächst ratlose Blicke und auch etwas Gelächter hervor, so waren alle doch schnell ergriffen und mitgerissen von den ungewöhnlichen Klängen, die der Musiker – mal kraftvoll vorpreschend, mal zögernd und flatternd, mal schwelgend und romantisch – seinem Instrument entlockte. So begann mit Oliver Messiaens Appel Interstellaire, gespielt vom französischen Hornisten Hervé Joulain, ein besonderes Konzert für die Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 10 und 11 am Ratsgymnasium. Denn im Rahmen des Kammermusikfestivals classic con brio fand am Vormittag des 29. Mai ein Schülerkonzert mit hochkarätigen Musiker:innen in der Schule statt.
Dabei stand Musik aus dem 20. Jahrhundert in all seinen Facetten auf dem Programm. An die anfänglichen Hornklänge schloss sich ein Duett von Violine und Violoncello an, das Leonie und Mariella Wolf präsentierten: Train der zeitgenössischen Komponistin Hirono Borter. Mit viel Rhythmusgefühl und Energie brachten die beiden Schwester, die mit ihrem Spiel den Landeswettbewerb von Jugend musiziert gewonnen haben, diese Zugverklanglichung zu Gehör und bewiesen ihr junges Talent.
Es folgte die nach dem ersten Weltkrieg entstandene Sonata 2 für Violine, Klavier und Bongos von George Antheil, die der britische Geiger Daniel Rowland als wohl eines der verrücktesten Stücke, die es gebe, ankündigte. Begleitet von der ukrainischen Pianistin Natacha Kudritskaya trat er dann den Beweis an: In aberwitzigen Läufen, Clustern, abrupten Wechseln zwischen expressiv-dissonanten Ausbrüchen, lyrischen Passagen und kurzen an einen Ragtime erinnernden Intermezzi breiteten die beiden Musiker den Schüler:innen auf beeindruckende Art und Weise die Klangmöglichkeiten ihrer Instrumente aus und führten sie durch ein Wechselbad der Gefühle.
Nach diesem Ausflug in die Experimentierstube der „klassischen“ Musik im 20. Jahrhundert richtete sich der Blick zum Abschluss noch auf den Nuevo Tango, der von dem Argentinier Marcelo Nisinman zum Klingen gebracht wurde. Nisinman spielt das Bandoneon, ein Instrument ähnlich einem Akkordeon, das, wie er den Schülerinnen und Schülern erklärte, seinen Ursprung in Deutschland habe. Ursprünglich als Ersatz für eine Kirchenorgel im Gottesdienst gedacht, gelange das Bandoneon nach Argentinien, wo es allerdings in den Freudenhäusern gespielt und sein typischer Klang Merkmal des Tangos wurde. Nach einer kleinen solistischen Einlage spielte Nisinman zusammen mit Rowland (Geige), Kudritskaya (Klavier) und Johann Nikolaus Franz (Kontrabass) einen rhythmisch und emotional mitreißenden Tango von Astor Piazolla und beschloss damit dieses besondere Konzert.
Wir danken ganz herzlich allen Musiker:innen und insbesondere dem Organisator des Festivals classic con brio Herrn Dr. Gleisner dafür, den Schülerinnen und Schülern eine neue Klangwelt erschlossen zu haben.
Text und Fotos: Dr. Dennis Weh
