Geschichts-Leistungskurs poliert Stolpersteine

Aus Anlass des Gedenktages für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft haben Schülerinnen und Schüler des Ratsgymnasiums am 27. Januar Stolpersteine in der Osnabrücker Innenstadt auf Hochglanz poliert, um das Gedenken an die Opfer aus Osnabrück wachzuhalten.

Zuvor hatten sie sich in ihrem Leistungskurs Geschichte unter der Leitung von Herrn Neuhaus mit ausgewählten Opferbiographien beschäftigt. Im Gegensatz zu weit entfernt liegenden Gedenkstätten wird anhand der Stolpersteine deutlich, dass die Opfer des Nationalsozialismus in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Deutschen lebten, die nach der Rassenlehre der Nationalsozialisten zur Volksgemeinschaft gerechnet und daher nicht ausgegrenzt, verfolgt, gedemütigt und ermordet wurden.  

Insbesondere die Stolpersteine für die Familie Stern in der Hasestraße wurden sehr gründlich poliert, weil das Ratsgymnasium schon vor etlichen Jahren die Patenschaft für den Stolperstein für Ruth Hannah Stern übernommen hatte. 

Nach der Putzaktion hielten die Schülerinnen und Schüler noch eine Mahnwache am Jürgensort ab, wobei es zu interessanten Gesprächen mit Passantinnen und Passanten kam. „Es war interessant, festzustellen, dass vor allem ältere Leute stehen blieben, sich die Stolpersteine ansahen und sich sogar bei uns für unser Engagement bedankten“, resümiert Lisa Straubinger die Aktion. 

Text & Fotos: Friedemann Neuhaus

Bewegende Lesung und leidenschaftlicher Appell

Unter Mitwirkung der beiden Ratsschüler Jan Witten und Theo Amelingmeyer (Jahrgang 12) fand in der Katharinenkirche am 27. Januar 2018 anlässlich des Holocaust-Gedenktages eine bewegende Lesung des Briefromans „Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor aus dem Jahr 1938 statt. Jan und Theo hatten sich akribisch auf diese Lesung vorbereitet und ernteten viel Applaus für ihren Vortrag. Anschließend mahnte Alt-Bundespräsident Christian Wulff in einem leidenschaftlichen Appell, Rassendiskriminierung und Ausländerfeindlichkeit frühzeitig zu erkennen, die Erosion der Demokratie nicht hinzunehmen und sich gemeinschaftlich für Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Toleranz und eine offene Gesellschaft einzusetzen. Zu Lesung und Vortrag hatten die Katharinengemeinde und der Verein Friedensorgel St. Katharinen eingeladen.

Bilder und Text: Friedemann Neuhaus, 28.01.2018

„Auschwitz war Hunger, Schläge und Tod“

Die Auschwitz-Überlebende Erna de Vries berichtet am Ratsgymnasium

„Als ich mich von meiner Mutter verabschiedete, sagte sie zu mir: ‚Du wirst leben und allen erzählen, was sie uns angetan haben‘, und das tue ich jetzt hier bei euch“, so beginnt die inzwischen 92-jährige Erna de Vries ihren Bericht. Dann ist es für eine gute Stunde mucksmäuschenstill in der Aula des Ratsgymnasiums, wo sich der Jahrgang 9 und einige Geschichtskurse des 12. Jahrgangs versammelt haben. Denn diese Geschichte hat es in sich, und auch wer sie schon mehrmals gehört hat, kann sie nur schwer ertragen.

Erna de Vries wurde als Erna Korn 1923 in Kaiserslautern als Tochter eines evangelischen Christen und einer Jüdin geboren und im jüdischen Glauben erzogen. Nach dem Tod ihres Vaters lebte sie allein mit ihrer Mutter und später mit einem Cousin in der elterlichen Wohnung. Nach der Pogromnacht im November 1938 wurde diese Wohnung von randalierenden SA-Trupps vollkommen zerstört und unter Wasser gesetzt. Eine Nachbarin, eine glühende Nationalsozialistin, so erinnert sich Erna de Vries, rief, als sie die damals 15-Jährige sah: „Werft sie hinein in den Krempel!“

Nach einigen wechselvollen Jahren in Köln bei Verwandten und wieder in Kaiserslautern wurden Erna und ihre Mutter deportiert. Als sogenannte Halbjüdin hätte Erna gar nicht mitfahren müssen bzw. sollen, doch sie wollte ihre Mutter nicht allein lassen.

In Auschwitz erlebt sie die Hölle auf Erden, eine vollständige Entmenschlichung und Demütigung. „Auschwitz“, so erzählt Erna de Vries, „war Hunger, Schläge, Tod.“ Von Krankheit gezeichnet und geschwächt wurde sie eines Tages aussortiert und in den Todestrakt gebracht. Sie schien sich schon mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben. Sie betete nur: „Ich möchte noch einmal die Sonne sehen.“ Da wurde ihre Nummer aufgerufen, die man ihr in den Arm eintätowiert hatte und die man noch heute sehen kann. Das war ihre Rettung. Aufgrund eines Himmler-Erlasses sollten alle Halbjuden als Arbeiter in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden. Erna de Vries kam auf diese Weise in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie in einem Siemenswerk arbeiten musste. Vor ihrer Abreise aber hatte sie noch ihre Mutter treffen können, die sie schon tot geglaubt hatte. Da hatte ihre Mutter ihr den eingangs erwähnten Auftrag mitgegeben: „Du wirst leben und alles erzählen, was sie uns angetan haben.“

In Ravensbrück war es auch schlimm, aber es war kein Vernichtungslager wie Auschwitz. Mit Hilfe von anderen Häftlingen konnte sie überleben. Kurz vor Kriegsende schickte die SS die Häftlinge noch auf einen Todesmarsch Richtung Westen. Nach ein paar Tagen unmenschlicher Anstrengung hörten sie und ihre Freundin, wie die vorderen Reihen jubelten und sich umarmten. „Es waren die Amerikaner“, sagt Erna de Vries, „und da waren wir frei.“

Da brandet Applaus in der Aula auf, und man spürt, wie sich die Anspannung Luft verschafft. Obwohl ihre Stimme bereits etwas angegriffen erscheint, beantwortet Frau de Vries bereitwillig jede Frage. Wie sie wieder neu in Deutschland angefangen habe, dass weder sie noch ihr Mann, der verschiedene Lager überlebt habe, jemals Groll oder Hass empfunden hätten, dass sie die Auschwitz-Prozesse der 60-er Jahre zwar mitverfolgt, aber selbst nicht als Zeugin ausgesagt habe und dass die junge Generation zwar keine Schuld, aber doch Verantwortung dafür trage, dass die Erinnerung an das Grauen von Auschwitz nicht verloren gehe. Sie selbst werde täglich daran erinnert und sei es durch ein Stück Brot, das jemand weggeworfen habe. Das könne sie bis heute nicht ertragen.

Mit einem warmen Applaus verabschieden die Schülerinnen und Schüler Erna de Vries, deren Herzenswärme und Freundlichkeit keinen unberührt lässt. Vielen Dank und Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal.

25.01.2016 Text: NEH, Foto: NH

 

 

 

 

 

 

Was zählt, ist unter’m Strich

Dr. Mathias Middelberg berichtet am Ratsgymnasium über Hans Calmeyer

Hans Calmeyer ist in Osnabrück ein bekannter Name. Außerhalb von Osnabrück aber ist der Rechtsanwalt, der auch eine Zeit lang Schüler des Ratsgymnasiums gewesen war, weitgehend unbekannt. Zu Unrecht, findet der Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg, der am 21. Januar Schülerinnen und Schüler des 11. Jahrgangs über den neuesten Forschungsstand informierte. Hans Calmeyer nämlich hat tausenden von Menschen, die nach den Nürnberger Rassegesetzen als Juden einzustufen waren und damit hätten deportiert werden sollen, das Leben gerettet.

Als Rassereferent in den besetzen Niederlanden war er in Zweifelsfällen die entscheidende Instanz. Menschen mit zwei jüdischen Großelternteilen wären in Deutschland zweifelsfrei als Juden eingestuft worden, solange sie nicht beweisen konnten, dass sie auch zwei „arische Großelternteile“ hatten. Calmeyer jedoch drehte den Spieß bei der Beweislast einfach um. Demzufolge mussten die deutschen Behörden nachweisen, dass die Personen eindeutig als jüdisch anzusehen seien. Dieser „Nachweis“ erfolgte durch Nachfrage bei der jüdischen Gemeinde, die dann – um die Antragsteller zu schützen – eine etwaige Mitgliedschaft einfach bestritt.

So oder auf ähnliche Weise konnten etwa 3000 Juden vor dem sicheren Tod bewahrt werden. Dennoch ist Calmeyer bis heute umstritten. Einige jüngere niederländische Historiker werfen ihm vor, er sei als Teil des Besatzungs- und Unterdrückungsregimes eher Täter als Widerständler. Middelberg aber ergreift Partei für den Rechtsanwalt. Man könne natürlich gesinnungsethisch argumentieren, dass man sich niemals auf eine Mitarbeit im Naziregime habe einlassen dürfen. Ein Verantwortungsethiker aber, wie Calmeyer und Oskar Schindler es gewesen seien, frage immer danach, welche Folgen sein Handeln oder Unterlassen habe. Unterm Strich habe Calmeyer durch seine Mittäterschaft viel mehr Juden gerettet, als wenn er seine Arbeit niedergelegt und sich damit die Hände nicht schmutzig gemacht hätte. Middelberg sieht sich hier auch bestätigt dadurch, dass Calmeyer in der isrealischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt worden sei. Calmeyer sei zwar ein schwieriger und eigensinniger Charakter gewesen sei, doch möglicherweise sei dies gerade die Voraussetzung gewesen, dass er innerhalb des Regimes so eigensinnig entschieden und sich dudurch auch selbst in Gefahr gebracht habe. Denn im Juli 1944 wollte die SS die Entscheidungen Calmeyers noch einmal überprüfen, dass es dazu nicht gekommen ist, war allein dem Vormarsch der Alliierten zu verdanken.

Calmeyer – so das Fazit dieses anregenden Vormittags – war vielleicht kein Held und Widerstandskämpfer wie Graf Stauffenberg, aber er hätte auch über Osnabrück hinaus ein größeres Interesse verdient.

NEH, 21.01.2016; Fotos: NH und NEH

Geteilte Erinnerung

Das Buch mit den Beiträgen zur Tafel der Generationen zum 70. Jahrestag des Kriegsendes ist ab sofort bei Frau Hengelbrock in der Bibliothek für 15,- € erhältlich.

NEH, 29.10.2015

Auf dem Weg zu deutschen Einheit

Ausstellung im Ratsgymnasium

„2 + 4 = 1?“ – Da wundert sich einer der neuen Fünftklässler im Ratsgymnasium, als er vor der neu aufgebauten Ausstellung zu deutschen Einheit steht, hat er es doch in der Grundschule ganz anders gelernt. Aber in diesem Fall stimmt es. Vor 25 Jahren handelten die beiden deutschen Staaten und die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs den „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ aus, den Zwei-plus-vier-Vertrag. Und das ergab dann ein geeintes Deutschland: Ausnahmsweise lautete damals die Gleichung somit tatsächlich 2 + 4 =1.

Aus Anlass des 25. Jahrestags der deutschen Wiedervereinigung zeigt das Ratsgymnasium im 2. Stock des Altbaus ab sofort die Ausstellung „Auf dem Weg zur deutschen Einheit“, die von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur erarbeitet und kostenlos zur Verfügung gestellt worden ist. Auf 20 großen Plakaten werden die wichtigsten Stationen der deutschen Teilung, des Untergangs des SED-Regimes und der deutschen Wiedervereinigung im Rahmen der europäischen Integration in Wort und Bild anschaulich gemacht.

Interessierte Klassen und Kurse können sich ohne Voranmeldung diese Ausstellung ansehen (es sei denn, es ist schon eine andere Klasse da). Besucher des Ratsgymnasiums sind ebenfalls herzlich willkommen, melden sich aber bitte vorher während der gewöhnlichen Öffnungszeiten kurz im Sekretariat.

17.09.15, NEH

Schüler statt Soldat 2.0

250000 Kinder weltweit, die als Soldaten in den Krieg ziehen, 120000 davon allein in Afrika. Das heißt, das Kinder andere Menschen töten, aber auch selbst zu Tode kommen. Das bedeutet, dass diese Kinder keine Perspektive im Leben haben, weder während der Einsatzzeit im Krieg, noch danach, weil sie traumatisiert sind, weil sie konditioniert sind, blind zu gehorchen, weil sie nicht mehr in der Lage sind, eigene Entscheidungen zu treffen, weil sie nie Kind sein dürfen und durften.

Diese Fakten berührten die Schüler des EK51, JG 11 von Frau Janßen derart, dass sie beschlossen, dieses Thema aufzugreifen und im Rahmen des Wettbewerbs „Human Rights! Für alle. Immer. Überall.“ eine Aktion in der Osnabrücker Innenstadt durchzuführen, in der sie mit einer Street- Performance die Osnabrücker auf dieses Thema aufmerksam machen wollten.

Am Samstag, dem 13.6. trafen sich die Schüler im Rats, um von dort erst in den Schlossgarten, dann durch die Stadt bis zum Heger Tor zu marschieren und an verschiedenen Stellen ihre Performance aufführten und danach Handzettel verteilten und mit den Passanten ins Gespräch kamen.

Besonders spannend war es  am Theaterplatz, wo die Schüler von Theaterpädagogen, die dort einen Infostand hatten, noch ein paar ermutigende Tipps bekamen mit dem Tenor, „sich ruhig zu trauen“. Deshalb wagte sich die Gruppe dann auch bis ins Rathaus, wo im Foyer dann auch noch Fotos gemacht wurden und den dort anwesenden Touristen Handzettel verteilt wurden.

Beachtlich ist, wie viel Einsatz der Kurs gezeigt hat, wie viel Freizeit sie investiert haben sodass die  Ziele der Kursleiterin weitgehend erreicht werden konnten:

Das kreative Potenzial der Schüler wurde geweckt, ihre interkulturelle Kompetenz wurde gestärkt.

Kommunikation und Empathie innerhalb der Schule wurde durch Beteiligung von zwei Schülerinnen aus der 6a gestärkt.

Das Thema wurde in das Bewusstsein der Osnabrücker gebracht, zumal auch die NOZ uns ein ganzes Stück des Weges begleitet hat.

Es war anstrengend, ungewohnt, aber spannend und insgesamt eine lohnende Erfahrung für alle Beteiligten!

 

[cvm_video id=“23982″]

13.6.15 Jsn

„Ich dachte, ich wüsste schon alles über den Krieg“

– Schüler schreiben 70 Jahre nach Kriegsende die Geschichten ihrer Großeltern auf – (Termin: 8. Mai)

Von Martina Schwager (Evangelischer Pressedienst)

Osnabrück/Berlin (epd). Bisher war der Zweite Weltkrieg für die 14-jährige Henrike Kuper weit weg. Doch ein Gespräch mit ihren Großeltern hat der Schülerin des Osnabrücker Ratsgymnasiums die Ereignisse nahe gebracht – so nahe, „dass ich manchmal dachte, ich könnte alles nachfühlen.“ Über die Schilderungen hat Henrike eine kleine Geschichte verfasst, in der die Erinnerungen lebendig werden: „Laute Rufe, Gerumpel, Menschen, die ihre Habseligkeiten auf Torfloren stapeln. Mittendrin ein siebenjähriger Junge, mein Großvater.“

So wie Henrike haben 60 ihrer Mitschüler Gespräche mit ihren Großeltern dokumentiert. Am Sonnabend, 70 Jahre und einen Tag nach dem Kriegsende, werden Zeitzeugen und Enkel in der Schule an einer Tafel der Generationen Platz nehmen. Sie sollen miteinander ins Gespräch kommen über ihre Erfahrungen und die besonderen Geschichten, die für alle zum Lesen ausliegen.

Geschichtslehrer Friedemann Neuhaus hat das Projekt am Ratsgymnasium initiiert. Der 70. Jahrestag sei für viele Schulen, Kirchengemeinden und Vereine ein Anlass, Zeitzeugen stärker in die Bildungsarbeit einzubeziehen, sagt Timon Perabo, Koordinator für Zeitzeugenprojekte des Anne-Frank-Zentrums in Berlin.

Diese Entwicklung habe sich schon in den vergangenen Jahren abgezeichnet, nachdem auch in den Medien immer häufiger Zeitzeugen zu Wort gekommen seien. In der Gesellschaft habe sich die Auffassung durchgesetzt: „Wenn nicht jetzt, dann wird es bald zu spät sein.“ Das Anne-Frank-Zentrum hat das Programm „70 Jahre danach – Generationen im Dialog“ entwickelt. Sieben Städte aus sechs Bundesländern nehmen bislang daran teil.

Die ältere Generation sei in der Regel sehr offen und froh, dass sie sich mitteilen könne, betont Perabo. Das hat auch Henrike bei ihren Großeltern so erlebt. Für Geschichte habe sie sich schon immer interessiert: „Ich dachte, ich wüsste schon alles über den Krieg – aus Büchern.“ Jetzt habe sie einen viel persönlicheren Einblick bekommen. „Menschen, die ich kenne, waren dabei. Und sie waren noch jünger als ich heute.“ Und sofort fällt ihr wieder ein Erlebnis von Opa Gerd Kuper ein: „Mein Großvater steht etwas abseits als das Unglück mit der Handgranate passiert. Ein Junge zieht den Hebel. Ein Mädchen und ein Junge sterben.“

Die Berichte der Schüler spiegeln eine große Bandbreite von Kriegserfahrungen wider. Mancher Opa erzählt vom fast unbeschwerten Spiel zwischen zwei Bombenalarmen und Schokolade verteilenden Engländern. Henrikes Oma Dorothea Kuper erinnert sich an „durchaus spannende Nächte“ im Luftschutzkeller: „Manches war für uns damals einfach Abenteuer.“ Doch in allen Texten ist auch von Leid die Rede: von Gefallenen, von Vätern in Gefangenschaft und zerstörten Häusern, von Hunger, dem Verlust der Heimat und sogar Vergewaltigung.

Die Tatsache, dass die meisten teilnehmenden Schüler heute nur wenig älter sind, als es ihre Großeltern damals waren, habe für sie offenbar einen besonderen Reiz ausgemacht, sagt der Pädagoge Neuhaus. Und Henrike ergänzt: „Wenn ich das mit meinem heutigen Leben vergleiche, kann ich mich glücklich schätzen, dass ich es so gut habe.“

Perabo warnt allerdings davor, Zeitzeugen-Interviews völlig unkritisch zu betrachten. Die Menschen lieferten keine historischen Fakten, sondern Erinnerungen, die durch ihr gesamtes Leben und oft auch durch die Medien geprägt seien: „Das ist ein Familienalbum und kein Geschichtsbuch.“ Die Geschichte der von den Nationalsozialisten Verfolgten komme dabei oft gar nicht zur Sprache.

Aus diesem Grund will auch Neuhaus seine Lehrerkollegen animieren, die Texte im Unterricht zu behandeln. Am Sonnabend wird er außerdem nicht verschweigen, was ihm aufgefallen ist. Schuld und Verbrechen der Nationalsozialisten kommen nur in ganz wenigen Texten vor: „Nazis hat es offenbar fast nirgendwo gegeben.“

[rev_slider tafel]

Tafel der Generationen

70 Jahre Kriegsende

Der 8./9. Mai 1945, der Tag der deutschen Kapitulation – ein wichtiger Tag in unserer Geschichte!

Deshalb möchten wir uns gemeinsam mit Ihnen und euch an diesen Tag zurückerinnern.

Viele Schülerinnen und Schüler des Ratsgymnasiums haben in den letzten Wochen mit Zeitzeugen gesprochen und deren Erinnerungen aufgeschrieben. Diese Berichte sollen am 09. Mai 2015 ab 11.00 Uhr der Öffentlichkeit präsentiert werden. Dazu möchten wir alle Schüler, Eltern, Großeltern, Lehrkräfte, Ehemalige, Nachbarn und andere Interessierte ganz herzlich ins Ratsgymnasium einladen.

Die Ratskapelle spielt, für das leibliche Wohl ist gesorgt.

NHS, 24.04.15

[rev_slider Tafel der Generationen]

Das Gedächtnis aufpolieren

Aktion des Ratsgymnasiums zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar

Am 27. Januar jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 70. Mal. Auschwitz ist das Symbol schlechthin für die Verfolgung und Vernichtung der Juden und anderer Opfer in der Zeit des Nationalsozialismus. Aus diesem Grund hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1996 diesen Tag zum nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erhoben.
Auschwitz ist ein deutscher Erinnerungsort und gehört zur deutschen Erinnerungskultur. Aber Auschwitz ist weit weg. Stellvertretend für alle Opfer finden sich überall in Osnabrück Stolpersteine, die an Opfer erinnern, die hier gelebt haben und in Auschwitz oder anderen Vernichtungslagern ermordet wurden. Über diese Steine kann man stolpern, aber man gewöhnt sich auch an sie und geht schnell über sie hinweg. Um das Gedenken im wörtlichen Sinne aufzupolieren, werden sich Schülerinnen und Schüler des Ratsgymnasiums am 27. Januar eine Reihe dieser Steine in Osnabrück vornehmen und sie blank polieren. Zudem werden sie Mahnwachen mit Vergrößerungen ausgewählter Stolpersteine abhalten, um vorübereilende Passanten an den Gedenktag und die Opfer zu erinnern. Insgesamt vier Geschichts- und Politikkurse unter der Leitung von Holger Niehoff und Friedemann Neuhaus werden von ca. 8.00 bis 15.00 Uhr an verschiedenen Orten der Osnabrücker Innenstadt stehen und mit ihren Schildern an die Opfer erinnern.
Geschichtsfachobmann Friedemann Neuhaus erklärt das Engagement der Schülerinnen und Schüler mit einem Verweis auf die Anforderungen des Zentralabiturs: „Geschichts- und Erinnerungskultur ist Bestandteil der Prüfungsaufgaben. Warum sollte dies nur theoretisch durchdacht und nicht auch praktisch vollzogen und erfahren werden?“

NEH, 15.01.2015